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Baum des Jahres 2018
Nutzung
Doch auch wenn Anbau und
Bewirtschaftung der Ess-Kastanien bei uns
weitgehend aufgegeben wurden – die meisten
Bäume blieben stehen, sodass sich die
ehemaligen Kulturen auch heute noch
vielerorts recht gut in der Landschaft
erkennen lassen. Die größten Ess-
Kastanienbestände befinden sich im
Oberrheingraben am Ostrand des Pfälzerwaldes,
der sogenannten Haardt, sowie am Westhang des
Schwarzwaldes, vor allem im Ortenaukreis.
Holz und Rinde
Es
waren fast ausschließlich Niederwälder, in
denen die ausschlagfreudigen Ess-
Kastanienbäume etwa alle 15 Jahre „auf den
Stock“ gesetzt wurden. Sie dienten
vorrangig
zur Versorgung der Winzer mit Rebstöcken und
standen meist in einem breiten Streifen
direkt oberhalb der Weinberge. Bäume, deren
Holz für den Hausbau, Fassdauben oder Masten
gebraucht wurde, ließ man immerhin doppelt so
alt werden. Da Holz und Rinde der Ess-
Kastanie einen ungewöhnlich hohen Gehalt an
Gerbsäuren haben und auch der Brennwert des
Holzes recht hoch ist, wurden in solchen
Niederwäldern auch Brennholz und Gerberlohe
gewonnen. Heute sind diese aufgegebenen
Niederwälder zu einer Art Hochwald
ausgewachsen. Die Bäume sind aber
aufgrund
ihrer Vorgeschichte oft mehrstämmig, neigen
dazu, frühzeitig hohl zu werden
(„Ringschäle“), und haben nur selten
holzwirtschaftlich wertvolle, gerade
gewachsene Stämme.
Was ist eine
Marone?
Als Maronen werden meist
die Früchte bestimmter Ess-Kastaniensorten
bezeichnet, die besonders groß sind. Oft
enthält der stachelige Fruchtbecher solcher
Sorten statt üblicherweise drei nur eine
einzige Frucht. Deren braune Schalen sind in
der Regel heller, oft auch hell und dunkel
gestreift. Ein ganz wichtiges Kriterium
ist
auch, dass die geschmacklich störende innere
Samenhaut nicht in die Spalten des Kerns
eingewachsen ist. Sie läßt sich daher leicht
entfernen. Der Begriff Marone wird allerdings
nicht in allen Herkunftsländern einheitlich
benutzt.
Der dickste Baum der
Welt
Die Ess-Kastanie kann, wenn
sie im dichteren Waldbestand wächst, über 35
Meter hoch werden. Die höchste Ess-Kastanie
Deutschlands steht im Stadtwald von Hameln
und ist knapp 40 Meter hoch. Im Freistand
wächst ihre Krone allerdings auch gern in die
Breite und die Höchstmarke liegt dann eher
bei 25 Metern.
Deutschlands
dickste Ess-Kastanie – sie steht im
Karlsruher Schlossgarten – hat einen
Stammumfang von 9,70 Meter. Sie ist etwa 280
Jahre alt. Die älteste Ess-Kastanie
Deutschlands wird auf etwas mehr als 400
Jahre geschätzt. Sie steht im Rheinland-
Pfälzischen Dannenfels und hat einen
Stammumfang von neun Metern.
Ältere Exemplare neigen allerdings dazu, hohl
zu werden. Spätestens wenn die Krone dann
wegbricht, treiben meist rundherum aus der
Stammbasis neue Triebe, von denen einige
wieder zu richtigen Bäumen heranwachsen,
altern und auch wieder wegbrechen können. So
gesehen könnten Ess-Kastanien ewig leben.
Baum der Zukunft
Ein an
sich mediterraner Baum, der sich aber in den
letzten zweitausend Jahren ganz gut bei uns
zumindest in den wärmeren Lagen
Südwestdeutschlands eingelebt hat, der auch
im übrigen, kühleren Deutschland zu
respektabler Stärke heranwächst – könnte also
die Ess-Kastanie ein heißer Kandidat für die
heißeren Zeiten sein, die auf uns und die
Wälder nun zukommen? Wahrscheinlich schon,
zumindest gibt es bislang keine Anzeichen,
dass sie unter den sich ändernden
Klimaverhältnissen leiden könnte.
Es gibt in Deutschland allerdings noch nicht
viele Erfahrungen mit der Ess-Kastanie als
forstlich nutzbarer Waldbaum. Seit einigen
Jahren tut sich jedoch etwas: Es gibt mehr
und mehr Projekte, in denen genauer
hingeschaut wird, unter welchen Bedingungen
die Ess-Kastanie in unseren Wäldern zu einem
Baum heranwachsen kann, dessen Holz für
langlebige Bau- und Möbelholzprodukte gut
geeignet ist. Geblickt wird dabei auch in
Nachbarländer wie Frankreich, wo die Ess-
Kastanie auch als Forstbaum schon sehr viel
länger hochgeschätzt ist.
Viele Überlegungen gehen bei uns allerdings
auch in Richtung Energieholz-produktion, also
Plantagen mit Erntezyklen unter zwanzig
Jahren, um die Ess-Kastanie dann in Form von
Hackschnitzeln zu verheizen. Sicherlich – die
Ess-Kastanie verlockt dazu mit dem hohen
Brennwert ihres Holzes und dem schnellen und
kräftigen Neuaustrieb nach dem Absägen. Im
Grunde wäre das ja auch lediglich die
Fortsetzung der zweitausend Jahre alten
Niederwaldkulturen in Südwestdeutschland. Es
wäre aber doch recht schade, wenn diese
stolze Baumart hauptsächlich zur Herstellung
von Fastwood verdammt würde.
Habitus Im Freistand eher breitkronig,
untere Äste
meist auffallend stark; selten höher als 25
Meter, kann aber innerhalb eines
Waldbestandes auch 35 Meter und mehr
erreichen.
Blätter
Länglich lanzettlich, bis zu 25 cm lang,
ledrig derb, grob gezähnt, glänzend grün mit
deutlich hervortretenden Blattnerven;
Austrieb im Mai, Herbstfärbung hellgelb.
Stamm
Oft drehwüchsig im Uhrzeigersinn von unten
rechts nach oben links.
Rinde Zunächst glatt, oliv- bis purpurbraun,
später
silbergrau; bildet mit zunehmendem Alter eine
graue bis schwärzliche, tiefgefurchte
Netzborke.
Blüte Ab
Mitte/Ende Juni blühen zunächst die rein
männlichen, lang gestreckten, schräg aufrecht
in Büscheln stehenden gelblichweißen
Kätzchenblütenstände, die fast nur aus
Staubblättern zu bestehen scheinen. Etwa
eineinhalb Wochen später folgen am gleichen
Baum zwittrige Blütenstände, wobei die recht
unscheinbaren weiblichen Blütenstände an der
Basis dieser Kätzchenblüten stehen. Die
Bestäubung erfolgt vor allem durch den Wind,
kann aber auch durch Käfer, Bienen und andere
Insekten erfolgen. Beginn der Blüte im Alter
von 20-30 Jahren.
Frucht
Braun glänzende Nussfrüchte mit einer
weißlichen, seidig behaarten Spitze; meist zu
dritt von dem kugeligen, sehr igel-
stacheligen Fruchtbecher umhüllt, der erst
bei Reife im Oktober in vier Klappen
aufreißt. |
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